Die Probleme des Individualismus  – ein Anfang

In allen Beiträgen dieses Blogs geht es um die Frage, wie es gelingen kann, dass wir wieder ein echtes Gefühl für ein Miteinander entwickeln können, in einer Zeit, in der wir uns selbst vor allem als eigenständige Individuen wahrnehmen, deren Denken zu einem weitaus größeren Teil nicht um das Miteinander kreist, sondern um die Frage, wie wir zufriedenstellend diese Individualität leben können.

Wir leben in einem Zeitalter des Individualismus

Dass wir in einem Zeitalter des Individualismus und der individuellen Freiheit leben, ist unbestritten – wenigstens in unseren Breitengraden. Und das tun wir schon ziemlich lange. Etwa seit der Renaissance haben wir begonnen, uns zu fragen, wer wir selbst sind, was wir wollen, wie wir uns verwirklichen können. Unsere Selbstbestimmung ist als Leitgedanke immer mehr in den Vordergrund getreten, und die Unterordnung unter einen vorbestimmten Platz in der Gesellschaft – etwa einer Ständegesellschaft – oder unter religiöse Vorgaben immer weiter in den Hintergrund.

Die oder der Einzelne hat heute die Möglichkeit, sein Leben ganz nach eigenen Wünschen zu gestalten, muss sich an kaum ein Protokoll halten, kann sich – wenn auch häufig nur nominell – von ganz unten nach oben hocharbeiten, kann die Kleidung tragen, die sie oder er möchte, kann Partnerschaften nach eigenem Gutdünken eingehen, kann den Beruf ausüben, den er oder sie möchte. Doch gleichzeitig bringt diese Freiheit leider zahlreiche Probleme mit sich.

…welcher neben persönlicher Freiheit auch große Probleme mit sich bringt

Denn mit ihr entstehen auch große Eigenverantwortung und Erfolgsdruck. Während noch der Mensch des ausklingenden Mittelalters sich vor allem als Teil einer größeren, hierarchischen, aber auch von Gott behüteten Ordnung empfand, die ihm von vorneherein seinen Platz zuwies, bekommt das heutige Individuum von allen Seiten vor die Nase gehalten, was es alle erreichen und haben könnte und wie es sein Leben gestalten könnte, wenn es denn könnte. Und  dann doch auch wieder, wie es sein Leben gestalten sollte. Nämlich selbstbestimmt und erfolgreich, voller Anerkennung durch andere und abgehoben von der Masse.

Konkurrenzdenken und Wohlstandsstreben, wirtschaftliches Wachstum und die Absicherung gegenüber einer unsicheren Zukunft beherrschen unser Denken und Wirken als Gestaltungsmacht in unserem Bildungssystem.

Der Kampf um Anerkennung und darum, als „etwas Besonders“ wahrgenommen zu werden, lenkt einen Großteil unserer Handlungen und bestimmt, wie wir unsere Kinder erziehen.

Selbstverwirklichung steht als oberstes Ziel auf der Tagesordnung, was aber jeden Einzelnen dazu zwingt herauszufinden, wer dieses Selbst denn sei. Das wiederum führt dazu, dass eine Menge Energie in die Suche nach eben diesem Selbst fließt – weshalb wir in gewisser Weise permanent um uns selbst kreisen.

Die sozialen Medien potenzieren diesen Druck. Erfolg hat, wer viele Likes und Follower generiert. Anerkennung für nicht mal mehr das, was ich bin oder leiste, sondern rein für das, was ich nach außen zeige, wird zum Lebenselexier, und wenn es nur das Video meiner Katze ist, die vom Schrank fällt.

Das Gemeinschaftsgefühl nimmt immer weiter ab…

Gleichzeitig nimmt der Zusammenhalt unter den Menschen immer weiter ab. Konkurrenz und Neid, der Wunsch, das Gleiche wie alle anderen oder mehr zu haben, bei individueller Entfaltungsmöglichkeit, toppen den Wunsch danach, Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit zu genießen. In sozialen Medien und anderen öffentlichen Kommentarspalten herrscht ein kriegerischer Umgangston, und im sozialen wie auch im privaten Raum nehmen Gewalttaten immer weiter zu, gerade auch unter Kindern und Jugendlichen.

Einsamkeit und innere Leere nehmen zu

Zudem leidet ein sehr großer Teil der Bevölkerung (bei entsprechenden Internetrecherchen und nach Alter und Regionen ausdifferenziert 25% bis 50 % der Menschen in Deutschland) regelmäßig an Einsamkeit und dem Gefühl innerer Leere.  Diesem Gefühl wird häufig entgegengewirkt durch den Konsum von Genuss – und Suchtmitteln oder sozialen Medien und Computerspielen – was aber das Drama eher noch verschärft und die Gefühle von Verlorenheit, Sinnlosigkeit und Leere immer weiter verstärkt.

Ein Zurück kann es nicht geben

Dennoch möchten die wenigstens von uns zurückkehren zu überkommenen gemeinschaftlichen Strukturen, die immer auch sehr viel Fremdbestimmung beinhalten: Enge Verhaltenskodexe, Vorschriften und Verbote, die weit ins Private, wie etwa Berufsausübung, Berufswahl oder Eheschließung, hineinreichen, eingeschränkte oder gar keine Meinungsfreiheit will niemand zurückhaben.

Die individuelle Freiheit, tun und sagen zu können, was man denkt, und so zu leben, wie es einem gefällt, ist, denke ich, den allermeisten von uns heilig, mindestens, wenn es um die eigene Person geht.

Aber können und tun wir das wirklich? Sind wir die durch und durch eigenständigen Individuen, die durch selbsttätiges vernünftiges Denken zu ihren Ansichten gelangen, oder sind wir vielleicht viel fremdgesteuerter durch gesellschaftliche Erwartungen, durch Manipulation in den sozialen Medien, durch wirtschaftliche Entwicklungen der letzten vier – oder fünfhundert Jahre, als uns überhaupt bewusst ist?

Seit Thomas Hobbes‘ Leviathan (1651) hat sich ein Selbstbild immer weiter ausdifferenziert, welches uns als Einzelkämpfer zunächst in einen Krieg aller gegen alle in die Welt treten lässt, als Wesen, die vom Kampf um Selbsterhaltung und Machtstreben, später dann um Wohlstand, Status und Besitzvermehrung angetrieben werden.

Vielleicht ist es aber gerade dieses Selbstbild, das einen Teil unseres Denkens und Handelns beinahe ebenso stark beeinflusst wie zuvor die Unterordnung unter vorgegebene äußere Strukturen wie Stand oder Religion. Und vielleicht ist es die Macht von Konzernen, die uns heute als potentielle Käufer und User ähnlich stark lenkt, wie ehedem die Macht der Religion? Selbst wenn wir in unseren einzelnen kleinen Schritten viel freier sind als zu Zeiten, in denen wir uns Kirche und Gemeinschaft unterordneten.

Wie kann echte Individualität mit einem Bewusstsein für die Gemeinschaft vereinbart werden?

Unseren Individualismus besser zu verstehen und ebenso zu verstehen, wo er einerseits durch unsichtbare Ansprüche, die in Gefühlen wie Angst, Neid und Druck ihren Ausdruck finden, immer noch oder sogar immer massiver eingeschränkt wird, und um andererseits zu verstehen, wie sich unser Denken verändern müsste, um bei tatsächlicher individueller Freiheit gleichzeitig wieder ein tiefes Gefühl der Verbundenheit mit anderen, und vielleicht sogar wieder eine gewisse Religiosität zu entwickeln, darum geht es in den Beiträgen dieses Blogs. Ich berufe mich dabei einerseits auf klassische oder zeitgenössische soziologische und philosophische DenkerInnen,  andererseits auf Beobachtungen aus meinem Berufsalltag als Lehrerin an einer Grundschule, die von Kindern aus 40 Nationen besucht wird. Ich möchte über das große Ganze sprechen und über das Miteinander unter Einzelmenschen, das gleichermaßen Zelle und Spiegel des Großen ist. Über den Habitus der Vielen ebenso wie über das Kommunikationsverhalten der Einzelnen. Über Haltungen und Sichtweisen, die das Leben der Individuen ebenso bestimmen wie das unserer Gesellschaft. Und das in der Hoffnung, dass sich nach und nach ein Konzept herauskristallisiert, in welchem echte, authentische Individualität und  ein verständnisvolles, empathisches und respektvolles Miteinander gemeinsam Platz finden. Dabei freue ich mich sehr über lebendige Diskussionen, sodass das Ergebnis ebenfalls einem Miteinander entspringt und nicht nur den Gedanken und Beobachtungen einer Einzelnen.


Beitrag veröffentlicht

in

,

von

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert