Worum es geht

Authentizität wird normalerweise nicht mit einem „Wir“ in Verbindung gebracht, sondern mit Individuen.

In diesem Blog geht es auch um Individuen, um individuelles Reifen, um das Herausfinden, wer man im Kern ist und wie man zu persönlicher Authentizität und innerer Freiheit gelangt. Es geht aber auch darum, wie aus dieser Position heraus ein gelungenes Miteinander zu verwirklichen ist.

Wie kann gesunde, für alle befriedigende zwischenmenschliche Nähe und Verbindung – im kleineren (Beziehung, Freundschaft, Nachbarschaft) wie im größeren (Gesellschaft) Rahmen entstehen und erhalten werden, wie ist ein erfülltes und friedliches, von Vertrauen und Empathie geprägtes Zusammenleben möglich? Wie entsteht ein Wir, das keine übermächtigen äußeren Regularien benötigt, auch nicht das stets strikte oder zumindest unhinterfragte Befolgen vereinender Konventionen, keine der Individualität übergeordnete, vorherrschende Identifikation mit Familie, Gruppe, Gemeinschaft oder Staat, sondern eine gleichgestellte; keine Unterordnung unter religiöse oder andere (unhinterfragte) Strukturen, die zwar ein aufoktroyiertes Band stiften, aber nicht eines, das ich als authentisch bezeichnen würde.

Ich möchte dabei keinesfalls sagen, dass Religiosität Authentizität ausschließt. Im Gegenteil. Ich glaube sogar, dass das, was ich unter einem authentischen Wir verstehe, ein zutiefst religiöses Moment enthält. Denn das Gefühl von echter Verbindung, um das es mir letztlich geht, enthält – auch – ein Gefühl von Angebundensein an „das große Ganze“. Aber bei diesem  – vielleicht religiös zu nennenden  – Gefühl geht es nicht vorrangig um das Setzen von Wertmaßstäben und den Erlass von Regeln, die das Individuum in eine deutlich untergeordnete Position drängen.

Somit stellt sich aber die Frage, welche Regeln und Werte wir brauchen, um wirkliche, gleichberechtigte Verbindung – ein echtes soziales Band – entstehen zu lassen.

Und auch: Wieviel Hierarchie ist dennoch – bei aller Freiheit und Gleichheit – nötig, wieviel Augenhöhe geht wo, wie kann Führung aussehen, wo wird sie gebraucht, wie sieht es mit Autorität aus?

Das wiederum führt zu der Frage, wie wir unseren Kindern begegnen und was wir ihnen vermitteln wollen. Hier spielen dieselben Themen eine Rolle: Augenhöhe? Führung? Autorität? Vorbildfunktion? Grenzsetzung? Und wieviel von allem? Und wie sind Hierarchie und Autorität zu vereinbaren mit Nähe, Zugewandtheit, Einfühlungsvermögen, Präsenz und Fürsorge?

Diese Fragen stellen sich um so dringlicher, je heterogener unsere Gesellschaft wird, in vielerlei Hinsichten.

Generell sind in allen zwischenmenschlichen Bereichen mindestens zwei Dinge nötig: Hin – bzw. Einfühlen (Achtsamkeit, Empathie) und Reflexion. Die oder der Einzelne, der sich weiterentwickeln und seine Beziehungen vertiefen möchte, muss merken können, was sich gut und was sich schlecht anfühlt, sich sowohl in sich selbst als auch in andere einfühlen können, muss sich gewahr werden, wo vielleicht automatisch Widerstände entstehen, wo Zweifel, Ressentiments und (Vor-)urteile sowie negative Projektionen einfließen und Triebe die Überhand gewinnen, oder aber echte Zuneigung und Sympathie entstehen, die den anderen nicht als Objekt sehen, sondern als ebenfalls freies und authentisches Subjekt.

Er oder sie muss sich von sich selbst distanzieren können, von seinen eigenen Gewohnheiten und Sichtweisen und sich einlassen können auf den Habitus anderer. Dazu muss er sich aber zunächst selbst kennen, was nicht immer selbstverständlich ist.

Und auch eine Gemeinschaft bzw. Gesellschaft muss sich selbst darüber klar werden, wie sie sich organisiert sehen will, damit nachhaltig für Frieden und Gerechtigkeit gesorgt ist.

Psychologie, Soziologie und Ethik müssen einander die Hand reichen.

Wie das alles im Detail aussehen kann, welche Bausteine dazu gehören, das möchte ich hier untersuchen. Ich begebe mich auf die Suche, in mir selbst und vor allem in den genannten Bereichen, um die Versöhnung von authentischem, emanzipiertem, selbstverwirklichtem Ich und einem freien, gleichberechtigten Wir zu erforschen.

Dabei freue ich mich sehr über Begleitung und tatkräftige Unterstützung.

Auf dass wir uns in den Kommentaren begegnen mögen. 🙂

Sabine Pendl