Projektionen erkennen und vermeiden

Ein Projektor ist ein Gerät, das ein Bild auf eine Oberfläche wirft.

Eine Projektion ist ein Bild oder eine Sichtweise, die ich einer Person oder Sache überstülpe bzw. in sie hineinsehe.

Projektionen sind aus unterschiedlichsten Gründen häufig problematisch.

Für die Person, die projiziert, besteht zum Beispiel manchmal die Gefahr einer darauffolgenden Ent-täuschung.

Denn die Projektion ist natürlich eine Täuschung – ich sehe etwas, was da gar nicht ist. Ich nehme einen Menschen auf eine Weise wahr, wie er oder sie nicht ist.

Noch viel gefährlicher: Ich nehme eine politische Führungsperson als etwas wahr, was überhaupt nicht der Realität entspricht. Hier laufe nicht nur ich selbst Gefahr, enttäuscht zu werden  –  ganze Gesellschaften können so in die Irre gehen!

Ebenso gefährlich ist die Projektion von Feindbildern auf einzelne Personen oder ganze Gruppen: Alle Männer sind Schweine, alle Frauen sind Labertaschen, alle PolitikerInnen sind Betrüger(Innen)…

Und natürlich gehören zum Prototypen der Projektionen die ausgelagerten, oft negativen Eigenanteile. Die ich in den anderen hineinsehe und an ihm dann womöglich angreife und bekämpfe.

Unabhängig von all den unterschiedlichen Gewändern, in denen Projektionen auftauchen können, tun sie allesamt eines: Sie verhindern das Entstehen eines echten Dus oder Wirs.

Die Projektion verhindert, das zu sehen, was wirklich da ist.

Denn nicht nur sehe ich im Gegenüber Eigenschaften oder Ideen, die da nicht oder nur ganz rudimentär vorhanden sind. Die Projektion verhindert außerdem, das zu sehen, was stattdessen wirklich da ist. Statt mein Gegenüber so wahrzunehmen, wie es tatsächlich ist, verpasse ich sein Wesen, weil ich vollkommen in Beschlag genommen bin von den Bildern, die ich mir gemacht habe.

Jetzt kann man einwenden, dass es doch sehr schwer ist, bei Menschen ein eindeutiges Wesen auszumachen. Aber die Behauptung lässt sich so umformulieren, dass sie ohne diesen abstrakten Begriff auskommt: Ein anderer kann Pläne haben, Ideen, Wünsche, Vorlieben, Einstellungen, Haltungen …. Und die kann ich sehen oder erfragen, oder ich kann ganz andere Pläne, Ideen, Wünsche etc. in mein Gegenüber hineindenken. Bzw. eben projizieren. Was sich auch aus der Perspektive der Person, die da nicht wahrgenommen wird, ziemlich schlecht anfühlt.

Die Projektion macht aus dem Du ein erweitertes Ich

 Es gibt  – wie schon angedeutet – verschiedene Ursachen für Projektionen.

Ich kann eigene Anteile nach außen verlagern, im Anderen Baustellen erkennen, die eigentlich meine eigenen sind, oder anderen Idealbilder überstülpen, die ich gerne sehen würde. Ich werde Verantwortung los oder finde eine Leinwand für meine geheimsten Wünsche und Bedürfnisse.

Oft geschieht dies nicht aus Bosheit oder anderen niederen Beweggründen – es geschieht ja ohnehin zumeist unbewusst – sondern es geht um die Vermeidung von Angst, Scham oder Schuldgefühlen. Oder eben um Wunsch – und Bedürfniserfüllung

Irgendwie nachvollziehbar. Und irgendwie sehr menschlich.

Aber gleichzeitig auch mehr oder weniger unfair denen gegenüber, die da als Leinwand dienen. Und die eben selbst gar nicht gesehen werden. Ich bleibe als Projizierende in meinem eigenen Dunstkreis gefangen und kommt dem Du nicht näher.

Damit vergebe ich mir nicht nur die Möglichkeit echter Verbindung, sondern schaffe gleichzeitig noch den Nährboden für unzählige Konflikte. Und das ist sehr schade.

Um dem Du näher zu kommen, müssen die Projektionen als solche erkannt werden.

Um dem Du näher zu kommen, müssen die Projektionen als solche erkannt werden. Und das gelingt nur mittels Reflexion.

Zu der motiviert man sich am leichtesten, wenn man zunächst überlegt, wo und wann man selbst schonmal das „Opfer“ von Projektion war. Oder auch, wo und wann man sich in der Vergangenheit schonmal gründlich geirrt hat bezüglich eines anderen Menschen – hier ist man möglicherweise seinen eigenen Projektionen auf den Leim gegangen.

Übung 1: Wann und wo haben Menschen etwas über dich gedacht, womit du dich kaum oder gar nicht identifizieren konntest.

Wenn du einige Beispiele gefunden hast, dann bekommst du ein Gefühl dafür, dass Projektionen nicht so ganz ohne sind und es eine ganz gute Sache ist, sie aufzudecken.

Ich glaube, es lohnt sich, sich für diese Frage einige Tage Zeit zu lassen. Vielleicht fällt Dir zunächst gar nichts ein. Aber wenn man solche Fragen ein bisschen mit sich herum trägt, dann beginnt das Unterbewusstsein, weiter daran zu arbeiten, und plötzlich ploppt doch eine Erinnerung auf.

Ich selbst kann mich an einige Projektionen seitens meiner Eltern erinnern. Die hingen beispielsweise mit einem besonderen Talent zum Klavierspiel zusammen. Also, bei mir war dieses Talent vorhanden. Das Ziel einer Musikerinnenkarriere war dann aber doch nicht wirklich mein eigenes. Die vielen am Klavier verbrachten Stunden waren auch nicht wirklich ganz frei gewählt…. Eltern sollten bei ihren Kindern doch genau aufpassen, ob sie diese nicht als Projektionsflächen missbrauchen.

 Und ich weiß noch, wie mein Ex-Mann Freunden erzählte, ich sei putzwütig. …. Das entsprach nun (leider) gar nicht der Realität, war aber eindeutig ein Wunsch seiner Seite. Ich fand es damals sogar ganz nett, dass er mich so wahrnahm – gleichzeitig löste aber auch diese Äußerung bei mir ein starkes Gefühl des Nicht-Gesehen-Werdens aus. Nicht als die, die ich war. Und also als solche auch nicht akzeptiert zu werden…

Es gibt noch etliche weitere Beispiele – und vor allem helfen sie mir, das Gefühl zu vergegenwärtigen, wie es ist, wenn man nicht als der Mensch wahrgenommen wird, der man ist

Ich möchte hier nicht rumheulen – alles ist gut. Aber mir geht es um Wege zum Wir – und Projektionen sind da einfach gar nicht dienlich.

Übung 2: Wann und wo hast du dir ein Bild von Anderen gemacht, von dem Du später feststellen musstest (oder konntest), dass es auf sehr wackligen Beinen stand?

Ich berichtete andererseits Bekannten, mein Ex-Mann sei in der Familie der Spezialist für Gedichte. Erst später fand ich heraus, dass er nichtmal ein Fan von Poesie war. Ich hatte mir das aber gewünscht – es hatte so gut zu dem Gesamtbild gepasst, das ich von ihm errichtet hatte. Und das ebenfalls nicht dem Menschen entsprach, der er wirklich war. Die daraus resultierende Enttäuschung war genau das – das Ende einer Täuschung, die ich auf meine eigene Kappe zu nehmen hatte. Niemand hatte mich gezwungen, mir ein Bild nach eigenem Gusto aufzubauen. Schöner wäre es allemal gewesen, sich Zeit zu nehmen, einander wirklich kennen zu lernen. Durch Gespräche, durch aufmerksames und aktives Zuhören (verlinken), durch Nachfragen und echtes Interesse(verlinken).  Aber so weit war ich damals noch nicht. Mein Hauptinteresse galt tatsächlich noch mir selbst und meinen (unerfüllten) Bedürfnissen.

Naja, schieben wir es auf eine Kindheit am Klavier….

Aber nein…die Suche nach Ursachen verschafft zwar Erleichterung, sollte einen aber nicht davon abhalten, vor allem Lösungen anzuvisieren.

Und die bestehen eben in Ehrlichkeit sich selbst gegenüber und Reflexion. Ich fasse hier nochmal zusammen, was helfen kann:

  • Fragen stellen – echtes Interesse zeigen!
  • Herausfinden, welche Ideen und Annahmen man sich gebildet hat über andere und ihre Wünsche, Pläne, Ansichten, Einstellungen….und diese eigenen Annahmen dann hinterfragen. Natürlich nicht alle auf einmal. Aber immer mal wieder.
  • Dinge, die einen bei anderen triggern oder die man ihnen gerne zum Vorwurf macht, als Hinweise nehmen auf eigene -negative – Projektionen! (verlinken)
  • Nach den wahren Beweggründen für zum Beispiel Sympathie forschen: Wähle ich eine Partei, weil ich ihr Programm wirklich aufmerksam gelesen und für gut befunden habe, oder weil ihr Auftreten so ist, dass es bewusst zur Projektionsfläche für die Wünsche und Sorgen zahlreicher Menschen eingesetzt wird. Oder weil ich die Hauptprotagonistin besonders hübsch finde….?

Zusammenfassung

Projektionen haben viele Facetten und können viele Ursachen haben. Immer aber verstellen sie einen wahrhaftigen Blick auf den oder die Anderen. Damit stehen sie echten Verbindungen im Weg und untermauern den  – unbewussten – Fokus auf sich selbst.

Dies gilt es zu überwinden durch Reflexion und Ehrlichkeit zu sich selbst. Um dann in weiteren Schritten durch Empathie und Interesse zum Wir zu gelangen.


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