Dieser Text ist übrigens selbst als Regulativ – also als regulierender Einwand – zu verstehen für einen anderen Text, der das Vermeiden von Urteilen über andere zum Thema hat.
Hier geht es also genau darum, dass diese Urteile, die wir gegenseitig über unsere Entscheidungen und Verhaltensweisen fällen, in bestimmten Kontexten auch regulative – steuernde Wirkung haben. Was bedeutet: Weil wir wissen, was andere in bestimmten Zusammenhängen über uns denken könnten, weil es einen z.B. gesellschaftlichen Druck gibt, geben wir einerseits vielleicht Freiheit auf. Wir werden aber auch manchmal in bestimmten schädlichen Verhaltensweisen und Entscheidungen eingeschränkt und in anderen- positiven- unterstützt, fühlen uns gesehen und anerkannt.
Stolz und Scham begleiten uns ein Leben lang, mal mehr, mal weniger, und ein „Wir“ ohne sie ist beinahe nicht denkbar. Dennoch bleibt die Frage, wie wir damit umgehen, wie weit wir uns diesem „Blick der anderen“ unterwerfen, an welchen Stellen wir uns dagegen auflehnen oder wo wir uns schlicht entziehen.
„Kümmere Dich nicht um die Meinung der anderen“
Heutzutage ist es bei uns beinahe eine stehende Redewendung, dass man sich keine Gedanken darüber machen sollte, was andere über einen denken.
Im Gegenteil liegt ein Hauptfokus zahlreicher Coaches und Webseiten zur Persönlichkeitsentwicklung darauf, dass es wesentlich sei, sich davon freizumachen und herauszufinden, was man selbst will.
Sei einfach du selbst, tu, was DU willst….das liest und hört man überall.
Geht das überhaupt?
Zugrunde liegt ein Menschenbild, das uns grundsätzlich als freie, selbstbestimmte Individuen ansieht.
Denen es ein Leichtes sein sollte herauszufinden, was sie wollen. Und das manchmal noch mit Alleinstellungsmerkmal – unterschwellig schwingt oft die Aufforderung mit, genau „sein Ding“ zu machen und sich damit von der Masse abzuheben.
Und tatsächlich erziehen wir auch schon unsere Kinder so. Indem wir sie beispielsweise in alle Entscheidungen mit einbeziehen. Auch wenn sie vielleicht erst zwei Jahre alt sind, fragen wir sie schon, was SIE denn wollen…
Die Frage ist aber, ob uns dieses Menschenbild wirklich zutreffend beschreibt. Und wir am Ende nicht doch viel mehr soziale Wesen sind als wir meinen, bestimmt zu großen Teilen durch Erziehung und Gesellschaft, und nur zu einem kleinen Teil wirklich frei.
Und auch, ob das wirklich so tragisch ist.
Die Antwort liegt vermutlich in der Mitte, so wie fast immer…
Sei, wer Du bist
Vorneweg möchte ich eine Sache klären. Es gibt Dinge, die uns ausmachen und für die wir uns niemals schämen dürfen. Bzw. für die uns niemand jemals verurteilen oder beschämen darf.
Sexuelle Orientierung, Hautfarbe, Aussehen, Behinderungen, Herkunft – es ist selbstverständlich ein riesiges und wichtiges Thema, dass hier leider häufig absolut unentschuldbare Diskriminierung und Verurteilung geschehen und Anerkennung ausbleibt. Es ist außerdem auch ein Thema, das mit dem „Wir“ in der Gesellschaft sehr viel zu tun hat. In diesem Beitrag jedoch geht es um etwas anderes.
Hier geht es um unser Verhalten und unsere Entscheidungen, also um Dinge, auf die wir Einfluss haben. Und die manchmal ihrerseits beeinflusst werden durch das, was andere darüber denken könnten. Was nicht immer schlimm, sondern gelegentlich auch ziemlich nützlich ist. Zum Beispiel, wenn andere definitiv mehr wissen als wir selbst.
Wenn Menschen mit Fachwissen den Kopf schütteln
Im Laufe meines Lebens ist es mir immer wieder passiert, dass Menschen, die sich in bestimmten Zusammenhängen viel besser auskannten als ich, den Kopf schüttelten über das, was ich tat.
Vielleicht liegt es an meiner musikalischen Ausbildung, dass ich früh gelernt habe, profundes Wissen, Können und Erfahrung wirklich zu schätzen und Autoritäten auf bestimmten Gebieten freimütig anzuerkennen. Was zum Beispiel zu folgender Geschichte führte:
Nachdem ich das Musikstudium beendet hatte, wollte ich noch Philosophie studieren, und Mathe im Nebenfach. Der Chef meiner Mutter, seines Zeichens Mathematiker, schüttelte zweifelnd den Kopf und fällte ein Urteil: Das ist gerade ganz zeittypisch. Philosophie ist total in. (Das war, nachdem „Sofies Welt“ neu erschienen war.) Alle wollen das. Aber mit Mathematik kann man einfach viel mehr machen. Ich würde das umdrehen – Mathe als Hauptfach, Philosophie als Nebenfach.
Jahre später erwies es sich als Segen, dass ich auf ihn gehört hatte. Es waren dann zwar nur einige Semester, bis ich Philosophie doch als Hauptfach wählte, aber diese Semester erlaubten mir später, als Grundschullehrerin mit Schwerpunkt Mathematik direkt einzusteigen.
Dort begegnete ich wiederum etlichem Kopfschütteln, wobei diejenigen, die da mein Auftreten und Handeln „verurteilten“, zunächst nicht laut äußerten, warum sie das taten. Ich bemerkte es aber und begann zu grübeln, woran es liegen könnte. Ich hospitierte bei ihnen, verglich meinen Umgang mit den Kindern mit dem ihren, ich schaute auf die Kinder selbst und deren ausgeprägte Zufriedenheit bei den gestandenen Kolleginnen und viel geringere Zufriedenheit bei mir. Es war klar, den Kolleginnen brachten die Kinder viel mehr Vertrauen entgegen, obwohl sie gelegentlich mit großer Strenge auftraten, viel Disziplin einforderten und viel weniger „nett“ und vor allem liberal waren als ich. Dennoch wirkten die Kinder froher und ausgeglichener und lernten zudem deutlich mehr. Also beschloss ich, mir ihr Urteil zu Herzen zu nehmen.
Wenn der innere Schweinehund im Spiel ist
Ein anderer Fall ist jener der eigenen inneren Widerstände und Stolpersteine.
Ich kenne das von mir selbst, mein Sohn hat es mir neulich bestätigt: Es ist leichter, konsequent und konzentriert zu arbeiten und an einer Sache zu bleiben, wenn Menschen in der Nähe sind, die sehen, was man tut. Die sehen, ob man gerade doch ein Handyspiel spielt, obwohl man eigentlich wichtige Aufgaben erledigen wollte, und die uns dafür möglicherweise kritisieren würden – selbst wenn es nur in Gedanken geschieht.
Allgemein ist die Versuchung viel größer, zum Beispiel aus Bequemlichkeit gegen gesellschaftliche oder moralische Regeln und Normen zu verstoßen, wenn keiner guckt. Das Schamgefühl bleibt nämlich meistens aus – beinahe kann man sich erfolgreich einreden, dass man es gar nicht gewesen ist. Natürlich habe ich hier keine Beispiele aus eigener Erfahrung 😇 . Aber es ist erstaunlich, dass in unserem Lehrerzimmer stets ungespültes Geschirr im Waschbecken steht und nie jemand dabei gesehen wird, der es dort abstellt.
Und von noch viel größerer Bedeutung sind diese Fremdurteile, wenn es beispielsweise um Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen geht. Wenn wir vielleicht einen Flug durch eine Bahnreise ersetzen, weil da doch eine gewisse Scham aufgekommen ist, nachdem ein Freund uns schweigend, aber laut denkend, zugehört hat. Ein Freund, der selbst ein bisschen mehr aufs Klima achtet als wir und dessen Urteil wir deutlich wahrgenommen haben.
Ein Leben ohne positive Urteile und Anerkennung wäre trist
Und der sich dann vielleicht laut und beifällig äußert, wenn wir ihm von unserer Planänderung berichten. Denn andererseits beflügelt uns das positive Urteil von anderen sehr, wenn uns etwas gut gelungen ist oder wir einen sinnvollen Weg eingeschlagen haben. Sollte man sich davon auch befreien? Ich weiß nicht….
Wie sieht es nun aus mit gesellschaftlichen Konventionen allgemein?
Uns von diesen nicht einschüchtern zu lassen ist, wie gesagt, ein Credo unserer Zeit. Und als Credo beinahe schon eine neue Norm. Elena Pulcini diagnostiziert das treffend in ihrem Buch: Das Individuum ohne Leidenschaften – Moderner Individualismus und der Verlust des sozialen Bandes.
Der größte gesellschaftliche Druck liegt heute paradoxerweise darin, sich wenigstens in bestimmten Bereichen möglichst gar nicht mehr anzupassen. Sich nach niemand anderem und dessen Meinung und Urteil zu richten. Und stattdessen, wie schon erwähnt, „sein Ding“ zu machen. Der eigenen Selbstverwirklichung zu frönen. Den eigenen Modestil zu finden, zu essen, wann und wo man möchte, den Job hinzuschmeißen und eine Weltreise zu unternehmen oder aber auch nur stets und überall die eigenen Bedürfnisse ganz deutlich zu machen und mitzuteilen, was man gerade auf jeden Fall will und was einem jetzt leider gar nicht guttut.
Ich lasse das hier mal etwas provokativ hier stehen und gehe an anderer Stelle nochmal ausführlicher drauf ein. Aber mein Gefühl (und nicht nur dieses – auch eine sehr umfangreiche Literaturliste) sagen mir: Diese Verbindung zwischen uns Menschen, dieses soziale Band, das wird auch dadurch gestiftet, dass wir Normen einhalten. Dass wir doch manchmal Dinge tun, die von uns erwartet werden. Dass wir gemeinsam essen oder das Schamgefühl der anderen respektieren und nicht mitten im Bus eine Brust unverdeckt herausholen, um zu stillen.
Dass wir, je nach Job, nicht mit komplett zerrissenen Klamotten auftauchen, auch wenn das das ist, was wir wollen. Dass wir Mitmenschen nicht im Regen stehen lassen, weil unser Bedürfnis uns spontan in den Wald geschickt hat, obwohl wir verabredet waren. Dass wir uns umeinander kümmern und dabei manchmal auch zurückstecken. Dass wir auf andere hören, ihre Expertise anerkennen oder auch nur ihre geeignetere Einschätzung einer Situation. Und somit ihr Urteil, das sie womöglich gar nicht zu äußern brauchen. Es kann auch in Form eines leisen Unwohlseins von alleine in uns auftreten.
Andererseits ist es aber fraglos sehr wichtig, sich vor den Bescheidwissern (verlinken) zu hüten – die wirklich gefährlich werden können.
Aber gerade die Zweifel, die in uns aufkommen, weil wir irgend etwas planen oder entscheiden und dann darüber nachdenken, wie andere dazu stehen könnten, können auch sehr gute Anstöße bieten, alles nochmal etwas gründlicher zu durchdenken und zu hinterfragen.
Es ist eine Gratwanderung. Und ja – es ist sehr wichtig, die eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu kennen und für sie einzustehen. Aber ich finde es doch sehr spannend zu fragen, wo die Grenzen liegen. Wie man sie erkennen kann. Was die Voraussetzungen sind, um uns an geeigneter Stelle durch das ausgesprochene oder nur vermutete Urteil der anderen korrigieren zu lassen, aufrichtig in diesen Spiegel zu blicken, und im richtigen Moment dann genau unseren eigenen Weg einzuschlagen, unsere wahren Lebensziele zu verfolgen und uns nicht von Scham und hinderlichen Gedanken bremsen zu lassen.
Ohne dabei jedoch den anderen allzu sehr auf den Schlips zu treten.
Scham und Stolz – sie werden durch die anderen ins Spiel gebracht und entspringen am Ende doch uns selbst. Aber wie lässt sich das ordentlich aufdröseln?
Das ist eine der Fragen, die mich seit langer Zeit umtreiben; eine der Fragen, die diesem Blog zugrunde liegen. Weswegen zu dieser Thematik sicher etliche weitere Beiträge folgen werden.
Ich würde mich jedenfalls sehr über eine Meinung oder ein Urteil über diesen Beitrag freuen. 😊

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