Authentizität und ihre Bedeutung für ein Wir auf Augenhöhe

Dieser Beitrag ist Teil eines großen Projektes zum Thema Individuum und Gemeinschaft/Gesellschaft. Diesem Thema ist das ganze Blog gewidmet. Mehr dazu findest Du hier.

„Authentizität“ ist ein sehr kraftvoller Begriff, der sowohl für den/die Einzelne(n) als auch für die Gemeinschaft von großer Bedeutung ist.

Denn wer nicht authentisch ist, ist viel eher allen möglichen Einflüssen ausgesetzt, von denen einige sehr gemeinschaftsgefährdend sein können. Wer nicht authentisch ist, hat viel weniger Kapazitäten, mit anderen gewinnbringend – für alle – zu interagieren. Wer nicht authentisch ist, ist meistens erstaunlich ichbezogen. Und gleichzeitig ist er oder sie nur eine Marionette in einem eigentlich fremden Drama.

Seine Wurzeln hat der Begriff im Griechischen und wird üblicherweise mit „echt“ übersetzt.

Klar ist, nur dem, der echt ist, kann ich vertrauen. Nur die, die echt ist, gibt mir die Sicherheit, dass sie morgen zumindest ähnlich handeln und urteilen wird wie heute.

Vor allem aber beruht das Funktionieren von demokratischen Gesellschaften darauf, dass Menschen in der Lage sind, möglichst authentisch zu denken, zu handeln und zu urteilen, und nicht blindlings dem Verdikt der Masse folgen.

Wann ist ein Mensch echt?

Wann aber ist ein Mensch „echt“, oder wann empfinden ihn andere als „echt“?

Das ist gar nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick scheint, und es gibt auch nicht die eine, endgültige Antwort darauf. Einfach, weil Menschen vielschichtig sind, den unterschiedlichsten Einflüssen unterliegen, ohnehin nie „nur Individuen“ sind und sie darum auch nicht als solche durch und durch „sie selbst“ sein können.

Wir würden nie einem Mitteleuropäer an den Kopf werfen, er verhalte sich nicht authentisch, wenn er mit Messer und Gabel isst und nicht etwa mit Stäbchen, da dies ja nur ein durch Erziehung und Umfeld geprägtes Verhalten sei. Das wäre im Gegenteil sogar ziemlich albern.

Andersrum ist es gar nicht so einfach, wirklich authentisch rüberzukommen, obwohl man vielleicht Dinge tut oder sagt, die gegen alle Konventionen verstoßen. Das kann auch schnell aufgesetzt wirken und womöglich nur dadurch motiviert sein, sich abheben zu wollen, nicht aber durch die Sache, die Meinung, das zum Ausdruck gebrachte Gefühl selbst.

Authentizität verlangt, dass es mir um die Sache selbst geht.

Genau das ist für mich ein Schlüssel zur Bedeutung von „authentisch“: Authentisches Handeln und Sprechen ist Handeln, bei dem es mir um die Sache selbst geht, nicht vorrangig um eine Wirkung.

Das eine – es geht mir um die Sache – schließt das andere – ich habe auch ein Interesse an einer bestimmten Wirkung – nicht notwendig aus, aber die Frage ist doch, was im Vordergrund steht.

Und wenn es mir ganz unverstellt um die Sache selbst geht, dann sind da eigene Gefühle, Gedanken, Meinungen, die direkt mit der Sache verbunden sind.

 Die Sache selbst hat für mich eine echte Bedeutung.

Authentizität bedeutet, dass mein Handeln und Sprechen durch meine eigenen Gedanken und Gefühle motiviert sind.

Ich kann ein Bild aufhängen, weil es mir wirklich gut gefällt, oder aber aus zahlreichen anderen Gründen, die wir alle als nicht authentisch bezeichnen würden: Ich habe es geschenkt bekommen und möchte den Schenker nicht enttäuschen, es passt farblich und ist mir ansonsten recht egal, es war sehr teuer und fungiert als Statussymbol.

Ich kann mich aufrichtig und von innen heraus freuen, einen bestimmten Menschen zu sehen, oder aber Begeisterung nur vortäuschen, aus (angebrachter) Höflichkeit, aus Berechnung, aus Gewohnheit.

Empathie und Anteilnahme an den Empfindungen anderer kann man spüren oder auch nur spielen. Erstere sind authentisch, zweitere nicht.

Und Meinungen kann man sich eigenständig bilden bzw. aufgrund eigener Überlegungen nachvollziehen und begründen, oder man kann sie einfach nachplappern.

Dabei ist es nicht immer nur eine Frage des Entweder – Oder; es gibt etliche Graustufen, aber so viel, finde ich, ist klar: Um authentisch zu sein, braucht es einen bedeutsamen persönlichen Anteil an Denken und Fühlen, echtes Interesse und die Nachrangigkeit von Antrieben wie dem Wunsch nach Zugehörigkeit, Anerkennung, Bewunderung oder sonstige äußere Motivatoren.

Eigentlich klingt das doch nicht so kompliziert. Dennoch trifft es ein menschliches Kernproblem. Denn es ist gar nicht so leicht, innen und außen, intrinsische und extrinsische Motivation, zuverlässig zu unterscheiden.

Die Frage danach, wer „ich“ bin, ist keine triviale.

Und wer ich bin, lässt sich ohne Reflexion nicht herausfinden.

Authentizität und Reflexion

„Moment!“, kann man hier einwenden – „Ich kann aber doch ganz und gar authentisch handeln ohne Reflexion, ohne tiefgründiges Sinnieren darüber, wer ich bin.

Tatsächlich sind Reflexion und Authentizität in keinem wechselseitigen Bedingungsverhältnis miteinander verbunden: Ich kann sehr reflektiert sein und in meiner Introspektion feststellen, dass ich keinen blassen Schimmer habe, wer und wie ich wirklich bin. Und ich kann durch und durch authentisch rüberkommen, ohne mir darüber den Kopf zerbrochen zu haben.  

Reflexion kommt aber dann notwendig ins Spiel, wenn meine Gedanken und Gefühle Auswirkungen auf andere haben und ich spätestens deshalb über meine Authentizität selbst Bescheid wissen sollte. Wenn ich also ein zuverlässiger, beziehungs – und demokratiefähiger Mensch sein möchte. Denn Demokratie beruht auf den Meinungen und Handlungen von freien Individuen. Und Authentizität bedeutet Freiheit – nämlich von übermächtigen Einflüssen.

Selbsterkenntnis

Es ist es oft gar nicht so einfach festzustellen, wie umfangreich die äußere Motivation oder Beeinflussung ist bzw. inwieweit ich solche Einflüsse zumindest eigenständig nachvollzogen habe, und welche nun meine authentische Haltung ist oder meine authentischen Gefühle sind.

Oder wie sehr ich eine Meinung vielleicht doch nur vertrete, weil sie gerade en vogue ist oder nur handle, um gewisse Triebe zu befriedigen.

Oder, Achtung, Graustufe, bin ich noch authentisch, weil meine Meinung durch die Person, mit der ich unterwegs bin, verstärkt wird und plötzlich ein viel größeres Gewicht in mir erhält? Sind Resonanz und Verstärkung und eine dadurch zunehmende Sicherheit bezüglich der eigenen Position oder der eigenen Gefühle ganz streng davon zu unterscheiden, unhinterfragt mit der Masse oder einer anerkannten öffentlichen Meinung zu gehen? Ich denke, ja, auf jeden Fall, aber Resonanz und Verstärkung sind immer erste Schritte in der Herausbildung einer überindividuellen Haltung. Diese kann sich aber bei weiterer Überprüfung durch individuelle Reflexion in geregelten und vernünftigen Bahnen entwickeln und läuft dann nicht Gefahr, womöglich außer Kontrolle zu geraten.  

Ich möchte hier nochmal kurz einwerfen, dass es bei der Untersuchung von Begriffen niemals darum geht, die eine, wahre Definition zu finden, die es ja gar nicht gibt, sondern nur darum, zu ermitteln, wie und wann wir einen Begriff – in diesem Fall den der Authentizität – verwenden, um uns so an ein Bedeutungsfeld heranzutasten. Und dann zu sehen, wie uns dieser Begriff weiterhilft.

Ich denke, die Suche nach Authentizität ist ein Prozess. Es handelt sich nicht um einen klar umrissenen Zustand. Viel eher handelt es sich um einen Wegweiser, den wir nicht aus dem Blick verlieren sollten, wenn uns an einem gesunden, auf Verlässlichkeit und wechselseitigem Vertrauen basierenden Miteinander gelegen ist, wenn wir uns als Einzelne zu immer reiferen, immer demokratiefähigeren Menschen entwickeln wollen und als Gesellschaft einen vernünftigen Gemeinwillen entwickeln wollen, der nicht durch ungesteuerte Emotionsausbrüche gelenkt ist.

Und: Authentizität ist nicht zu verwechseln mit „Besonderheit“. Es geht nicht darum, sich abzuheben, speziell und per se anders als die anderen zu sein oder zu denken, etwas „Besonderes“ zu sein. Es geht um Echtheit und die Sache selbst, die aber natürlich mit vielen anderen Menschen geteilt werden kann.  

Es geht um das Vermeiden eines unfreiwilligen Gelenktseins, von Außen, von Trieben oder anderen unbewussten Inhalten.

Manchmal äußert sich das doch darin, dass ich wirklich komplett mein eigenes Ding mache. Manchmal äußert es sich aber auch gerade in Verantwortungsübernahme oder Empathie, wenn ich, frei von übermächtigen äußeren Motivatoren, das tue, was ansteht, weil ich es für wichtig und bedeutsam erachte.  (Über den Zusammenhang von Authentizität und Empathiefähigkeit schreibe ich hier, ebenso über den Zusammenhang von Verantwortungsübernahme und Authentizität.)

Empathiefähigkeit und Verantwortungsübernahme wiederum sind für ein gleich-berechtigtes – authentisches –  Wir auf Augenhöhe unabdingbar.

Reflektierte Authentizität als Bedingung für ein gesundes Miteinander

Und das gilt sowohl für unsere Gedanken als auch unsere Gefühle. Für beide gibt es natürlich Bereiche, in denen wir uns nicht bis in große Tiefe hinab hinterfragen müssen. Aber es gibt viele, wo das eben doch von Bedeutung ist, wenn wir Konflikte reduzieren wollen.

Beiseite geschobene, unbewusste Gefühle machen uns in Teilen zu unechten Menschen. Und im schlimmsten Fall drängen sie irgendwann mit übergroßer Macht an die Oberfläche, was im Miteinander sehr unangenehme bis fatale Auswirkungen haben kann. Sie führen zu Projektionen oder zu einem großen Ungleichgewicht in der Verantwortungsübernahme. (Mehr dazu hier.) Sie machen, dass wir uns selbst verlieren und uns zu viel außerhalb unserer selbst aufhalten. Unauthentisches Verhalten ist Verhalten, das nicht berechenbar ist, denn es entspringt nur äußerer Motivation, die sich selbst jederzeit verändern kann.

Authentische Meinungen und Haltungen hingegen sind grundsätzlich viel klarere Meinungen, für die wir die Verantwortung übernehmen, über die gesprochen werden kann, die sich weiterentwickeln können und die ihrerseits Manipulation viel mehr entgegensetzen können.

Wer eine Meinung nur vertritt, um dazu zu gehören, um gegen etwas zu sein oder um Anerkennung zu erlangen, wer nur Teil einer Menge ist, ohne eigenständig nachgedacht oder nachvollzogen zu haben, der kann ganz leicht instrumentalisiert werden, beispielsweise für das Machtstreben oder die Profitgier anderer. Und der ist seinerseits Vernunftargumenten viel weniger zugänglich, denn wo sollten die andocken, da doch die Meinungen ihrerseits gar nicht durch Vernunft, sondern fremdgesteuert (ich sage gerne „ferngesteuert“) entstanden sind?

Gerade jetzt, im Zeitalter von Social Media und KI ist es noch viel wichtiger, sich immer wieder seiner Authentizität zu besinnen bzw. sich auf die Suche nach ihr zu machen! Mehr denn je sollten wir uns regelmäßig bewusst fragen, was wir wirklich denken, glauben und fühlen, um nicht instrumentalisiert zu werden und andere nicht zu instrumentalisieren. Um den anderen auf Augenhöhe zu begegnen.

Wie gesagt – nicht in allen Bereichen und nicht immer. Sonst artet das leicht in Überforderung aus. Und wir SIND soziale Wesen – vieles tun und denken wir, weil es bei allen anderen auch so ist. Das ist auch vollkommen ok so. Aber in einigen wesentlichen Punkten ist es von elementarer Wichtigkeit und insbesondere in allen Bereichen, die das Zusammenleben angehen.

Immer sollten wir uns also fragen, WARUM wir etwas denken, glauben und fühlen.

Inwieweit unsere Gedanken und Gefühle tatsächlich unserem Wesenskern entsprechen. Dazu braucht es nicht unbedingt eine Therapie, sondern vielleicht nur den aufrichtigen Willen, ehrlich in den Spiegel zu blicken. Und wenn wir feststellen, dass es da plötzlich sehr ambivalente Gedanken und Gefühle gibt, dann sollten wir lernen, dem auch ehrlich nachforschen, damit umzugehen, Ambivalenzen zu vereinen und zu integrieren, oder aber sie aufzulösen und uns auf diese Weise immer wieder ein Stück näher zu kommen.


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