Was du nicht willst, das man dir tu, das füg‘ auch keinem anderen zu.
Oder andersrum: Behandele andere so, wie Du selbst behandelt werden möchtest.
Was haben die Surfer damit zu tun? Lies einfach weiter!
Ich glaube, niemand mag es besonders gerne, be – oder gar verurteilt zu werden, vor allem wenn es vorschnell geschieht.
Natürlich gibt es Verhaltensweisen, die es geradezu darauf anlegen, in Opposition zu gehen.
Aber ich glaube, auch in solchen Fällen geht es den betreffenden Menschen eigentlich darum, endlich mal nicht verurteilt zu werden, trotz ihres provokativen Auftretens.
Außerdem spreche ich an dieser Stelle eher von mehr oder weniger alltäglichen Verhaltensweise und Entscheidungen. Die jeder gemäß seinen Vorlieben, seiner Erziehung oder sonstiger Einflüsse und Gründe an den Tag legt oder trifft. Sicher ist, dass sie niemals grundlos geschehen.
Und über solche Entscheidungen von anderen oder auch einfach deren Auftreten zerbrechen wir uns recht gerne den Kopf.
Und füllen manchmal auch Konversationen damit – Klatsch und Tratsch genannt.
Auf Englisch gibt es sogar einen Begriff dafür, wenn jemand andere häufig beurteilt: Diese Person wird „judgemental“ genannt – „to judge“ heißt urteilen. Und es ist keine besonders wertschätzende Bezeichnung.
Alle haben für ihr Verhalten und ihre Entscheidungen Gründe – genau wie wir selbst
Gerne äußern wir uns auch dazu, ob wir das Verhalten von anderen verstehen oder nicht. Und wenn wir es nicht verstehen, halten das Viele für einen guten Anlass, es zu verurteilen.
Dabei müssen wir es ja gar nicht verstehen. Eigentlich reicht es zu wissen und damit nachfühlen zu können, dass es den anderen genauso geht wie uns selbst: Sie tun oder lassen Dinge genauso aus Gründen wie wir selbst. Und selbst wenn der Grund nur der innere Schweinehund ist…auch wir selbst wünschen uns, wegen dieses Tierchens nichts allzu sehr kritisiert, sondern bestenfalls im Kampf dagegen unterstützt zu werden.

Durch unser – negatives – Urteilen unterstützen wir jedoch nicht, sondern bremsen das Miteinander aus – denn unser Gegenüber spürt ganz deutlich, dass wir gerade nichts Nettes über es denken.
Manchmal erheben wir uns damit sogar regelrecht über andere.
Das tun wir, weil man sich damit im Moment besser fühlt: Indem ich andere kritisiere, stehe ich ja selbst in einem positiveren Licht da. Aber auf Dauer schadet es dem Wir noch mehr – der andere zieht sich erst recht zurück oder wechselt in eine Angirffshaltung. In den seltensten Fällen wird er sagen: Oh, Mensch, danke für das negative Urteil – jetzt sehe ich endlich klarer.
Das Urteilen schadet auch uns selbst
Und auch, wenn die anderen nichts davon erfahren, sind es dennoch gewohnheitsmäßige Gedankenmuster, die, wenn sie zunehmen, auch uns selbst nicht guttun. Man fühlt sich nicht mehr wirklich wohl und verbunden, man läuft nicht lächelnd durchs Leben, sondern eher mit gerunzelter Stirn, es wird vielleicht regelrecht zur Gewohnheit, anderen Negatives zu unterstellen und sich über sie zu erheben, was früher oder später zu Konflikten führt. Und, man verliert womöglich sogar den Fokus auf die eigenen Ziele und Interessen.
Um das mit einem Bild zu untermauern: Ich stelle mir als Beispiel gerne vor, dass ich auf einem Surfbrett stehe, umgeben von Wasser. Ich muss hier das Gleichgewicht halten, mich konzentrieren, auf den Wellengang achten und dabei gleichzeitig immer nach vorne schauen. Und ich sollte darüber nachdenken, wie ich weitermachen, wohin ich steuern möchte.
Wenn ich nun in Gedanken zu sehr auf kritische Weise bei den Anderen – Booten, Schwimmern etc. – bin und über sie urteile, dann treiben mich in dieser Zeit die Wellen einfach nur hin und her. Und im schlimmsten Fall kippe ich um oder werde von einem Boot über den Haufen gefahren.
Verbindung ja, Urteil (möglichst) nein
Natürlich muss ich auf die anderen achten. Mit ihnen kommunizieren – unbedingt. Mich mit ihnen absprechen oder zusammenarbeiten – liebend gerne. Ich muss verstehen, welchen Weg sie einschlagen. Aber urteilen und bei diesen Urteilen verweilen – mir darüber Gedanken machen, warum der Schwimmer eine so hässliche Badehose anhat oder das Schnellboot rosa angemalt ist, warum die andere Surferin das Surfen scheinbar noch nicht wirklich beherrscht und immer wieder ins Wasser fällt – damit ist keinem geholfen. Mir selbst auch nicht – auf diese Weise bin ich gedanklich nicht bei meinem eigenen Weg und drehe mich vielleicht hilflos im Kreis.
Urteilsfreie Präsenz schafft die Basis für ein liebevolles Miteinander und persönliches Wachstum
Mir geht es am besten, wenn ich urteilslos präsent bin im Hier und Jetzt, auf Wind und Wellen und mein Gleichgewicht achte, und darauf, wie mit den anderen eine gute und lebendige Verbindung entsteht.
Oder anders gesagt: Die Energie, die wir häufig ins Urteilen und Kritisieren investieren, ist tausendmal besser investiert ins Fokussieren auf ein freundschaftliches, liebevolles Miteinander sowie die eigenen Projekte, Ideen und die eigene Weiterentwicklung.
Der beste Weg: Fokus umlenken
Und das ist auch gleichzeitig das beste Rezept, um vom Urteilen weg zu kommen: Statt sich vorzunehmen, nicht mehr zu urteilen (was gar nicht so einfach ist, denn es ist uns geradezu in die Wiege gelegt), ist es leichter und befriedigender sich zu sagen:
„Fokus umlenken. Ich schaue jetzt bewusst auf das, was ich am anderen mag. Oder ich beschäftige mich mit meiner eigenen Vision von einem erfüllten Leben.“
Denn oft handelt es sich bei den Urteilen auch um Projektionen , die manchmal nur unseren eigenen ungeliebten Anteilen entspringen. Und ja, ich kann auch diesen Anteilen ins Auge blicken – auch das dient meiner Weiterentwicklung. Dann aber an mir selbst und nicht am anderen – das ist der ehrlichere Weg.
Ebenso hilfreich und noch schöner und befreiender ist es aber auch, den Blick auf das Gute zu richten: Auf die Reflexion der Sonnenstrahlen in den Wellen, das freundliche Gesicht des anderen Schwimmers oder auf den Sandstrand, dem ich entgegensteuere.

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