Die Dinge sind, wie sie sind. Allerdings passt das So-sein der Dinge sehr oft nicht mit dem zusammen, wie wir sie gerne hätten. Je nachdem, wie wir damit umgehen, kann uns das manchmal eine Menge Energie kosten. Auf der Suche nach Veränderung und Lösung geht es daher zunächst darum, die Dinge anzuerkennen, wie sie sind.
Doch wir tun so, als würden sich die Dinge durch eifriges Wünschen unserem Bild der Realität anpassen.
Kinder fangen gerne immer wieder von vorne an, wenn sie ein Gedicht aufsagen sollen und an einer Stelle nicht mehr weiterkommen, in der Hoffnung, es möge beim dritten oder vierten Mal doch auf wundersame Weise klappen. Meistens funktioniert das aber nicht.
Erwachsene schreiben sich manchmal todo-Listen für einen Tag, auf denen Tätigkeiten für eine ganze Woche stehen, und versuchen sich selbst zu überzeugen, dass das schon zu schaffen wäre. Fakt ist, dass Zeit und Konzentrationsvermögen begrenzt sind.
Paare wollen manchmal fest daran glaube, dass nun endlich alles gut wird, obwohl sie die Wurzeln ihrer Probleme noch nicht erkannt haben und angegangen sind. Aber sie hätten es einfach so gerne.
Kultusministerien stopfen Lehrpläne gerne immer noch voller, unter vollständiger Missachtung sich wandelnder demografischer und gesellschaftlicher Voraussetzungen. Es wird einfach so getan, als ob.
Vieles, das uns peinlich ist, schieben wir schlicht beiseite, verdrängen oder überspielen es.
Bevor wir Schwächen, Fehler oder Probleme und Ängste zugeben, bringen wir lieber sehr viel Energie auf, uns diese nicht anmerken zu lassen. Hauptsache, niemandem fällt auf, dass man Schwierigkeiten beim Rechnen hat oder unter Einsamkeit leidet.
Angst vor dem, wie es wirklich ist
Da ist häufig der reale oder vermutete gesellschaftliche oder familiäre Druck, der macht, dass wir uns etwas nicht eingestehen, das aber doch untrennbar zu unserer Persönlichkeit gehört. Da sind Angst oder manchmal auch Bequemlichkeit, die dazu führen, dass wir Dinge nicht anerkennen wollen, die unser Leben bestimmen:
Es gibt ihn doch, den Klimawandel! Rauchen ist definitiv ungesund! Es ist … aber solange wir verdrängen, wie es tatsächlich ist, gibt es eines sicher nicht, nämlich eine Lösung.
Das soll nun nicht wie ein Vorwurf klingen. (Nur da, wo EntscheidungsträgerInnen in wichtigen Positionen beteiligt sind, die sich einfach nicht genug Mühe machen herauszufinden, wie es wirklich ist. Da soll es durchaus wie ein Vorwurf klingen!)
Meistens hat die Angst eine Vorgeschichte
Aber beim Einzelnen steht oft eine lange Vorgeschichte dahinter, warum wir uns bestimmte Dinge nicht eingestehen wollen oder einfach so tun, als wären sie nicht da.
Wenn wir beispielsweise als Kinder für etwas immer kritisiert oder belächelt wurden, statt Unterstützung zu erhalten („Wieso stellst du dich so doof an“ statt: „Schau mal, ich helfe dir, es alleine zu schaffen!“), dann ist es nur naheliegend, dass wir diese Schwierigkeit bald nicht mehr zugeben möchten. Schließlich wollen wir nicht noch mehr Kritik hören.
Wenn uns vermittelt wurde, dass wir einem bestimmten Bild zu entsprechen hätten und andernfalls weniger wert wären, dann ist klar, dass wir alles daransetzen, uns diesem Bild anzunähern.
Häufig steht hinter der Verdrängung Scham
Scham macht es uns unmöglich, anzuerkennen, dass wir anders sind als gewünscht und gedacht. Und so sperren wir Teile unseres wahren Selbst in einen Käfig, stutzen ihm die Flügel oder bemühen uns, sein Gefieder umzufärben.
Manchmal sind es auch unsere eigenen Wunschträume und Bilder im Kopf, die wir so sehr als wirklich herbeisehnen, dass es zu weh täte sich einzugestehen, dass die Realität eine andere ist: ….
Und manchmal sind es eben Angst oder Bequemlichkeit, die uns dazu bringen, lieber weg zu schauen, als zu realisieren, was Sache ist.
Die Realität nicht anzuerkennen mündet in einer Sisyphos-Arbeit
Wenn wir uns aber vergeblich bemühen, die Realität diesen inneren Bildern und Erwartungen oder Projektionen anzupassen, oder wenn wir unserem inneren Kritiker und somit der Außenwelt immer wieder Dinge verheimlichen wollen, dann ist das so, als würde wir uns anstrengen, in sehr lockerem Sand ein Loch zu graben.
Die Dinge, wie sie sind, rieseln unaufhaltsam und stetig in die mühsam offen gehaltene Kuhle – all unsere Energie wenden wir letztlich auf für eine aussichtslose Sisyphos-Arbeit.
Und wenn wir immer wieder den Blick abwenden und nicht wahrhaben wollen, dann – stehen wir eines Tages einem Ungeheuer gegenüber, das seine Attacke in aller Ruhe vorbereiten konnte, da alle den Kopf von ihm wegdrehten.
Wachstum bedeutet, Lösungen zu finden
Wachstum aber bedeutet, Lösungen zu finden, echte Schlösser zu bauen und Ungeheuer abzuhalten.
Der Ausweg ist eigentlich ein ganz einfacher.
Die Dinge anerkennen, wie sie sind, heißt zunächst, unsere eigenen Gefühle ernst zu nehmen
Wir müssen Schritt für Schritt lernen, die Dinge anzunehmen und wahrzuhaben, wie sie sind.
Dazu gehören aber vor den äußeren Umständen allem voran zunächst unsere eigenen Gefühle.
Diese wollen zuerst ernstgenommen werden. Denn wenn wir sie ignorieren, werden sie alles tun, uns darin zu unterstützen, das, was wir nicht wollen, ebenfalls zu ignorieren.
Was daran liegt, dass es sich meistens um Selbstschutz handelt, wenn wir verdrängen, negieren oder projzieren. Wenn wir eigene Schwächen nicht zugeben möchten. Was nun aber das Gegenteil von Reflexion und Selbsterkenntnis ist.
Die Akzeptanz der eigenen Gefühle ist der erste Schritt
Somit ist klar, dass der allererste Schritt immer Selbstakzeptanz ist. Ohne diese geht es nicht weiter. Wir müssen uns der Scham stellen und uns selbst davon überzeugen, dass bestimmte Eigenheiten und sogenannte Schwächen, oder andere Bedingungen, die uns geprägt haben (z.B. Armut), uns nicht peinlich zu sein brauchen. Und wir nichts überspielen oder verbergen müssen, sondern uns allenfalls Unterstützung suchen sollten, falls das hifreich ist. Wir müssen auf das schauen, was uns gut gelingt, um von dort her mehr Motivation zu erhalten, gesünder oder nachhaltiger zu leben, statt uns weiterhin selbst zu betrügen. Wir müssen verstehen, dass es nicht schlimm ist, wenn wir nicht so (über)effizient sind, wie wir vielleicht gerne wären – denn Zeit, Konzentrationsvermögen oder Arbeitsfähigkeit sind nunmal begrenzt. Und stetig wiederkehrende unerfüllbare Todo-Listen üben nur einen Druck aus, der am Ende zu körperlichen und psychischen Beschwerden führt. Genauso wie jeder andere Versuch, die Realität durch Ignorieren einem Wunschbild anzupassen.
Statt Wunschbildern nachzujagen die realen Bedingungen in Ruhe anerkennen und dann Lösungen finden
Mit Überlastung ist niemandem geholfen – uns nicht, unseren Mitmenschen nicht, unserem Planeten nicht. Aber erst, wenn wir erkennen, wo Überlastung stattfindet, und wie die tatsächlichen Möglichkeiten zu Handlung und Veränderung aussehen, erst, wenn Pausen und Ruhe, Gespräche und Zuhören mitgedacht werden, können wir Sisyphos befreien und uns einer tatsächlichen und sinnhaften Richtungsänderung zuwenden.

Schreibe einen Kommentar